Geschichten zwischen Palmen und Pappeln
Kokospalmen – mehr als nur schöne Bäume. Kerala heißt übersetzt „Land der Kokospalmen“.
Egal, ob man in Trivandrum oder Kochi landet – überall stehen sie. Und das nicht nur, weil sie wunderschön aussehen. Die Kokospalme ist ein Lebensbaum. Aus ihr wird vieles hergestellt: Nahrung, Öl, Fasern, Seile und noch vieles mehr. Den Schatten würde ich dir nicht empfehlen, ein herabfallende Nuss kann dich ins jenseits befördern.
Als ich vor über zwanzig Jahren mein erstes kleines Guesthouse in Odayam hatte – damals noch ein ruhiges Dorf neben dem heutigen Touristenort Varkala –, ahnte ich nicht, welche Geschichten diese Palmen einmal erzählen würden.
Manchmal denke ich: Zum Glück war ich damals schon dort. Das Wort „Overtourism“ kannte noch niemand. Odayam war ein verschlafenes Dorf, in dem jeder jeden kannte.
Ich hatte das Haus von einer großen Familie gemietet. Sie wohnten alle rund um mich herum, sodass ich mich vom ersten Tag an eingebettet fühlte.
Mein kleines Guesthouse hatte vier Zimmer mit jeweils einem Badezimmer, eine Küche, eine Veranda und eine große Dachterrasse mit Blick auf den Indischen Ozean.
Wenn ich heute darüber schreibe, muss ich schmunzeln. Sofort kommen all die kleinen Anekdoten wieder zurück. Und schwirren in meinem Kopf herum.
Zum Haus gehörte auch ein Garten, den ich benutzen durfte. Nur eines durfte ich nicht: Rund um das Haus standen vier große Kokospalmen, aber die Kokosnüsse gehörten immer dem Hausbesitzer. Das war sogar im Mietvertrag festgehalten.
Die erste Kokosnuss
Ich war schon während der Renovierungsarbeiten eingezogen, um Geld zu sparen.
Damals gab es in Indien noch keine Wandfarbe, die nicht bestialisch roch. Mein kleines Haus wurde Tag und Nacht gelüftet. Vor den Fenstern waren Gitter, sodass niemand hineinkommen konnte.
Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich durch ein dumpfes Geräusch auf der Dachterrasse auf.
Mein erster Gedanke:
Die Tür oben ist offen. Jemand ist auf der Dachterrasse.
Und als wäre das nicht genug, gab es auch noch einen Power Cut. Für mich als Europäerin war das eindeutig zu viel.
Mit meiner großen Notfall-Taschenlampe ging ich vorsichtig nach oben und leuchtete alles ab.
Und da lag sie. Eine Kokosnuss. Wenn ich heute die Augen schließe, höre ich diesen Aufprall Nuss auf Beton noch immer.
Der Garten und Toni
Die Renovierung war irgendwann abgeschlossen. Der Garten dagegen blieb eine lebenslange Baustelle. Ich pflanzte viele Papayabäume. Ihnen kann man beim Wachsen fast zusehen. Die Früchte sind nicht nur lecker, sondern auch sehr gesund. Sogar die kleinen schwarzen Kerne, die viele Menschen herauspulen und wegwerfen, sind gut für das Verdauungsfeuer. Nur eines wusste ich damals nicht: Papayabäume sollte man nicht zu nah ans Haus pflanzen. Sie wurden zur perfekten Leiter. Rauf auf den Papayabaum – und schwupps war man auf meiner Dachterrasse.
Und dann gibt es Menschen wie mich, die lieber an das Gute glauben und nicht sofort an das Böse denken.
So hatte ich häufiger ungebetenen Besuch auf der Dachterrasse. Wenn ich sie bemerkte, vertrieb ich die Einbrecher immer mit einem riesigen Geschrei.
Irgendwann siegte die Vernunft. Toni kam nicht nur in Haus und Garten – er zog direkt in mein Herz. Mein kluger, kleiner Spitz-Pomeranian wurde mein treuer Begleiter und Beschützer.
Die Honigbienen
Eines Tages bemerkte ich während einer Yogastunde auf der Terrasse riesige Bienen an der Kokospalme im vorderen Eingangsbereich. Ich machte mir zunächst keine weiteren Gedanken.
Ein paar Tage später, wieder während meiner Yogastunde, wanderte mein Blick erneut nach links. Dort hing eine riesige Honigwabe. Tausende von Honigbienen hatten sich angesiedelt. Es wurden immer mehr. Bald waren Dachterrasse, Veranda und der Hauseingang tabu.
Zum Glück haben die Häuser in Kerala oft einen zweiten Eingang über die Küche auf der Rückseite.
Im ganzen Dorf herrschte Aufregung. Jeder hatte eine Meinung, aber niemand wusste so recht, was zu tun war. Und ich stand mittendrin – die einzige weiße Frau in unserem Dorf.
Manchmal vergisst man, wie es sich anfühlt, selbst einmal die Fremde zu sein. Nicht diejenige, die von außen auf eine andere Kultur schaut, sondern diejenige, die selbst beobachtet wird.
Diese Erfahrung verändert den Blick auf die Welt. Plötzlich versteht man besser, wie es ist, irgendwo neu anzukommen, nicht alle Regeln zu kennen und trotzdem seinen Platz finden zu wollen.
Am meisten machte ich mir Sorgen um Toni. Er wollte diese riesigen Brummer unbedingt fangen. Je größer die Honigwabe wurde, desto größer wurde auch meine Ratlosigkeit.
Abends saß ich oft auf der Veranda und schaute zur Kokospalme hinauf. Irgendwann betete ich sogar zum Gott der Bienen.
In Indien gibt es schließlich so viele Götter – da wird es wohl auch einen Bienengott geben.
Ich bat ihn, mir meine Dummheit zu verzeihen und die Bienen freiwillig weiterziehen zu lassen.
Leider schien der Bienengott an diesem Tag gerade Urlaub zu haben.
Also musste ich handeln. Ich fuhr mit meiner Vespa zur Feuerwehr. Der Feuerwehrmann hörte sich meine Geschichte an und sagte nur:
„No Madame, we only put out fires.“
Na wunderbar. Am nächsten Tag organisierte ein Freund Hilfe.
Es kamen sechs junge Männer aus dem Dschungel, nur mit einem Lungi bekleidet. Ihre Bezahlung war in Naturalien ausgemacht – und zwar mit Rum.
Sie saßen auf meiner Veranda, tranken den halben Lohn im Voraus und warteten, bis es dunkel wurde. Das ganze Dorf war inzwischen in der Nähe. Für unser ruhiges Odayam war es ein richtiges Ereignis – fast wie ein kleines Dorffest, außer wenn gerade das Tempelfest stattfand.
Natürlich gab es noch eine andere Attraktion im Dorf: die weiße Frau, die regelmäßig hinter ihrem weißen Spitz Toni herrannte, wenn er mal wieder ausgebüxt war. Die Dorfbewohner fanden diese Ausflüge nicht immer so lustig wie Toni und ich.
So brachte ich immer wieder ein wenig Bewegung in unser ruhiges Dorfleben.
Mit brennenden Fackeln, lachend und gut angeschickert, kletterten die Männer schließlich geschickt die Kokospalme hinauf. Sie räucherten die Bienen aus.
Als sie wieder herunterkamen, waren ihre Körper übersät mit Bienenstichen. Überall lagen tote Bienen. Erst in diesem Moment kam mein Bewusstsein zurück. Mir wurde klar, wie unüberlegt ich gehandelt hatte.
Der Druck von den Nachbarn war groß gewesen. Alle wollten, dass die Wabe wegkommt. Aber ich war traurig. Und ich war verärgert über mich selbst. Zum Glück wurde kein Mensch ernsthaft verletzt. Traurig und nachdenklich ging ich an diesem Abend schlafen.
Im Kühlschrank lag ein großes Stück der Honigwabe. Übrigens: Die Wabe war ungefähr einen Meter groß. Noch heute denke ich daran.
Die Bienen hatten nichts falsch gemacht. Sie hatten sich einfach ein Zuhause gesucht.
Vielleicht war das eine der wichtigsten Lektionen, die Kerala mir geschenkt hat. Nicht immer ist die schnellste Lösung die beste.
Zwischen Palmen und Pappeln Heute sitze ich nicht mehr unter Kokospalmen.
Heute findet meine Waldyoga-Stunde unter Pappeln statt.
Doch manchmal, wenn der Wind durch die Blätter rauscht, höre ich für einen Moment wieder das Meer von Kerala, das Summen der Honigbienen und den dumpfen Aufprall einer Kokosnuss auf meiner Dachterrasse.
Ich habe nie zwischen Kerala und dem Auenwald gewählt.
Mein Herz hat einfach beschlossen, in beiden Landschaften zu wohnen.